Ein bisschen Dialektik zum Tag der Arbeit

Die große Koalition macht tolle Arbeit, der Aufschwung ist da, die Arbeitslosenzahlen sinken – die fortschrittlichste Forderung, zu der die Gewerkschaftszombies und der restliche linke Mainstream in solchen Zeiten fähig sind, ist natürlich ein schöner, hoher Mindestlohn. Einhellige Meinung hier: immer her damit.

Klar, alle Welt hat ja gemerkt, was für ein Blödsinn das eigentlich ist. Der vielgelobte Aufschwung wird sich, genau wie der letzte, irgendwann in Wohlgefallen auflösen, und die Arbeitslosenzahlen werden sich dann, genau wie beim letzten Mal, bei etwa einer Million über der letzten Rekordmarke einpendeln. Und wie beim letzten Mal alle werden sich alle gehörig wundern.

Dazu kommt noch die Lieblingsbegründung aller Gehaltsforderer, Umverteiler und Mindestlöhner: Der Aufschwung sei ja schließlich von den Arbeitnehmern erwirtschaftet worden, da sei es nur fair, sie jetzt auch daran zu beteiligen. Hört man immer wieder, verliert aber faszinierenderweise durch die dauernde Wiederholung kaum an Dämlichkeit. Sollte das in der Politik ernsthaft auf Gehör stoßen, dann wollen wir doch sehr hoffen, dass die Industrieroboter und die Billigarbeiter in Bangladesch auch eine ordentliche Extraportion Reis und Schmieröl abbekommen. Die tragen zu unserem Aufschwung nämlich mindestens so sehr bei wie die gierigen, faulen deutschen Arbeitnehmer. (Zitat des Tages: „Alles wird teurer, wir auch.“)

Trotzdem wollen wir den Mindestlohn, und zwar so schnell es geht und am liebsten in astronomischer Höhe. Wenn das mit der Konjunktur nämlich noch lange so weitergeht, wird die Marodität der deutschen Sozial-, Gesundheits-, Steuer- und Weißgottnochwas-Systeme wieder in angenehmer Kollektivamnesie versinken, alles wird so grauslig bleiben wie es ist, und am Ende darf die große Neophobenkoalition noch eine Legislaturperiode weiterwurschteln und uns irgendwelche neuen Bürokratien als Reformen verkaufen. Das kann niemand wollen!

Und das ideale Instrument, um diese Horrorvorstellung zu abzuwenden, ist der Mindestlohn. Der verhindert, dass neue Arbeitsplätze entstehen, ohne gleich die Konjunktur abzuwürgen (denn die Kapitalisten können ja einfach auf Industrieroboter und bangladeschische Billigarbeiter umsteigen). Dadurch bleibt die schlechte Laune im Land erhalten, die ja bekanntlich die Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Leute beim Wählen das Hirn einschalten. Wenn man den Mindestlohn hoch genug ansetzt, kann es auch sein, dass irgendwann alles von Industrierobotern und Bangladeschis, oder im Idealfall sogar von bangladeschischen Industrierobotorn gemacht wird und überhaupt gar niemand mehr arbeiten muss. Dann wandeln wir den Mindestlohn in ein Grundeinkommen um, und leben fortan glücklich und zufrieden.

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