Urheberrecht Teil 1: Philosophische Grundlagen

Wie versprochen hier also nun endlich meine ungekürzte und unverfälschte Meinung zum sogenannten Urheberrecht*. Zumindest der erste Teil davon, denn da sich das Thema als recht umfangreich erweist, werde ich es in mehrere Beiträge unterteilen, beginnend mit einer kleinen Einführung, die die grundsätzliche Frage klären soll, was ein Urheberrecht überhaupt leisten sollte. Die übrigen Teile – drei sind bisher noch in Planung – erscheinen dann wahrscheinlich jeweils mit ähnlicher zeitlicher Verzögerung…

Damit mal klar ist, aus welcher Richtung ich hier komme, sollte ich vielleicht eins vorausschicken: Wenn es nach mir ginge, dann müsste es überhaupt kein Urheberrecht geben. In meiner idealen Welt leben Künstler von Eintrittsgeldern für Vorführungen, Konzerte und Lesungen, von freiwilligen Zuwendungen ihrer Fans, und von Verwertern, die sie gut dafür bezahlen, dass sie Werke als erste auf den Markt bringen dürfen. (Wer weniger erfolgreich ist, lebt selbstverständlich vom bedingungslosen Grundeinkommen.) Die Verwerter wiederum verdienen ihr Geld, indem sie ihrem Publikum eine umfassende Auswahl und eine hohe Qualität bieten. Die Exklusivität ihrer Top-Produkte schützen sie durch elektronische Sicherheitsmaßnahmen, bei denen allerdings die Anwenderfreundlichkeit im Vordergrund steht, weil die Kunden sonst schnell zur Konkurrenz abwandern oder einfach abwarten, bis irgendjemand das gewünschte Werk kostenlos zur Verfügung stellt.

In dieser Welt gäbe es wohl keine Superhits, Blockbuster oder Mega-Bestseller, die durch künstlichen Marketing-Hype nach oben gepusht werden, denn selbstverständlich würden gerade erfolgreiche Werke besonders schnell kopiert und kostenlos verbreitet werden. Da würde sich der Aufwand gar nicht lohnen. Dafür wäre das Kulturgeschäft viel breiter und vielfältiger: Statt immer nur auf dem letzten Trend zu reiten, wären die Verwerter stets auf der Suche nach Geheimtipps, talentierten Nachwuchskünstlern und interessanten Nischen, die sie erfolgreich an ein überschaubareres Publikum vermarkten könnten, ohne dass gleich überall die kostenlosen Kopien herumgereicht werden.

Nun nehme ich schwer an, dass die meisten Leser, die es überhaupt bis hierher geschafft haben, mich schon für einen kompletten Spinner halten. Bittesehr, tut euch keinen Zwang an. Ihr könnt ja nichts dafür, die Mehrheitsmeinung ist immer allzu verführerisch. Denn radikale Positionen können funkelnd und interessant sein wie Edelsteine, aber ebenso wie die meisten Edelsteine haben sie wenig praktischen Nutzen.

Ich habe daher überhaupt kein Problem damit, für Zwecke der realen Politik die Existenz des Urheberrechts zu akzeptieren. Und ich bin sogar bereit, mit der Tatsache zu leben, dass es noch auf längere Sicht die Basis für die Entlohnung kreativer Menschen sein wird. Es war ja, das gebe ich auch zu, ursprünglich eine ganz gute Idee: Das exklusive Verbreitungsrecht machte, erstens, erfolgreiche Künstler unabhängig von aristokratischen Mäzenen und gab ihnen die Freiheit, auch über bloßes Hofnarrentum hinaus auch mal kritisch sein zu können. Und es schützte zweitens die Investitionen der Unternehmer, die kreative Werke vervielfältigten und verkauften, was in den dunklen Jahrhunderten vor der Erfindung des Internets ein reichlich kapitalintensives Unterfangen sein konnte.

Eine dritte Existenzberechtigung besteht in der Motivation zu kreativer Betätigung. Es mag nicht gerade dem Ideal der musischen Hingabe entsprechen, aber vermutlich ist schon was dran an der Vorstellung, dass viel weniger Bücher geschrieben würden, wenn man dabei nicht von Ruhm und Reichtum und der Spiegel-Bestsellerliste träumen könnte.

Diese drei Funktionen sind die Eckpfeiler, an denen sich das Urheberrecht auch heute noch messen lassen muss: Entlohnung, Verbreitung, Motivation. Wie man sie gegeneinander gewichtet, ist mehr oder weniger Geschmacksache – mit der wichtigen Ausnahme, dass die Verbreitungsfunktion heute dank unbegrenzter digitaler Kopierbarkeit kaum noch eine Rolle spielt. Die einzigen Investitionen, die man da noch schützen könnte, wären die für die Werbung; insofern kann man wohl schon mal grundsätzlich festhalten, dass ein modernes Urheberrecht die Verbreitung wohl vor allem nicht übermäßig einschränken sollte.

So betrachtet wäre das alles also im Grunde ganz einfach. Die Tragik der ganzen Urheberrechtsdebatte ist nun allerdings, dass sich interessierte Kreise gerne anderes, viel weniger utilitaristisches Fundament herbeifantasieren, nämlich die romantische Vorstellung des „geistigen Eigentums“. Es erscheint natürlich ganz großartig, wenn einem eine Idee „gehören“ soll und nicht „weggenommen“ werden darf. Schade ist nur, dass das alles kompletter Blödsinn ist.

Man muss das so deutlich sagen, weil es so wichtig ist. Die Freunde des Urheberrechts kommen leider immer wieder durch mit ihrer Gleichsetzung  ihrer eigentlich recht esoterischen Lieblingsparagraphen mit echtem, materiellen Eigentum. Die Diskussionen, die mit dieser Strategie schon abgewürgt worden sind, sind ohne Zahl. Das muss ein Ende haben, deshalb nochmal in aller Deutlichkeit: Es gibt kein „geistiges Eigentum“. Niemand kann eine Idee „besitzen“, es sei denn, er spräche sie einfach nie aus. Und selbst dann wäre er nicht dagegen gefeit, dass jemand anderem schlicht das Gleiche einfällt. Echtes Eigentum kann ich, wenn ich über die Mittel dazu verfüge, auch ohne Hilfe staatlicher Strukturen gegen andere verteidigen. Mit „geistigem Eigentum“ geht das nicht; einmal veröffentlicht, verliere ich sofort und vollständig die Kontrolle über mein Werk und brauche Polizisten, Politiker, Anwälte, Gerichte und Gefängnisse, um sie halbwegs wiederzugewinnen. So etwas hat mit Eigentum nichts zu tun, das ist ein reines staatliches Sonderprivileg.

Es fällt vielleicht auf, dass ich diese Einschätzung nicht als meine Meinung präsentiere, sondern als Tatsache. Das ist Absicht. Man muss schon reichlich verblendet sein oder gut davon profitieren, um auf den Kampfbegriff „Geistiges Eigentum“hereinzufallen. Leider scheinen die Verblendeten immer noch eine bequeme Mehrheit zu haben. Aber das ist ja nun nichts Neues.

Vielleicht noch ein letzter Punkt für’s Erste: Ich hänge natürlich auch nicht der sozialdemokratisch angehauchten Idee nach, man müsse Künstlern um jeden Preis „ein menschenwürdiges Auskommen“ gerantieren. Abgesehen davon, dass das gegenwärtige Urheberrecht diese Funktion für die große Mehrheit der Kreativen auch nicht gerade zuvorlässig erfüllt, muss man sich nämlich fragen, was gerade diese Leute vor ihren Mitmenschen auszeichnet, die ja schließlich auch wichtige Jobs haben. Im Workshop auf der BDK in Kiel haben manche ein Grundeinkommen für Künstler gefordert; das ist eine nette Idee, aber ein Grundeinkommen sollte man jedem garantieren, nicht nur einer Minderheit, die zufällig ein Instrument spielen oder schöne Wörter aneinanderreihen kann.

Bis dahin wird sich, wer Künstler sein will, aber kein Talent hat, einfach einen normalen Job suchen müssen. So, wie es schon seit Anbeginn der Zeit gewesen ist. Es gibt wirklich schlimmere Schicksale.


* Natürlich geht es nicht wirklich nur um das Urheberrecht, sondern praktisch um jede Form von Immaterialgüterrecht, die nicht gerade Patente oder Marken betrifft. Dass man das alles unter „Urheberrecht“ subsumiert, ist furchtbar unpräzise, aber auch furchtbar praktisch. Und es hat sich weitgehend so eingebürgert.

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10 Antworten zu Urheberrecht Teil 1: Philosophische Grundlagen

  1. Gabriel Bergmann schreibt:

    Ich bin durch deine Bemerkung zu den Piraten auf deinen Blog aufmerksam geworden. Da sagst du einiges Richtige. Fragwürdig finde ich deine Art, es zu sagen. Nimm diesen Post zum Urheberrecht. Wenn ich da nicht mit dir einer Meinung bin, muss ich mir von dir anhören, dass ich nicht in der Lage bin, mich von der Mehrheitsmeinung zu lösen, dass ich kompletten Blödsinn schreibe und verblendet bin. Leider ist das ein Ton, der sich in Internetdiskussionen inzwischen etabliert hat. Dadurch werden aber sicher mehr Menschen abgeschreckt, sich an solchen Diskussionen zu beteiligen, als durch eingeschränkten Computerzugang. Die „digital divide“ wird zu einer „defamation divide“. Der Sinn dieses verbalen Hooligantums bleibt mir verborgen.
    Aber zur Sache: Du zäumst das Pferd von hinten auf. Der Eigentumsbegriff bezeichnet ein Set an Zugangs- und Verfügungsrechten. Das hat erst einmal nichts damit zu tun, ob es sich um materielle oder immaterielle Güter handelt. Besitz ist übrigens weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für Eigentum.
    Dein Hauptargument gegen den Begriff des geistigen Eigentums scheint zu sein, dass man ohne staatliche Strukturen die damit verbundenen Rechte nicht durchsetzen kann und dass es damit nicht zulässig ist, von Eigentum zu sprechen. Ich frage mich, welchen Status du dieser These zuerkennen möchtest. Soll damit auf ein allgemeingültiges Prinzip der Rechtslehre hingewiesen werden? Ein solches wäre mir unbekannt. Oder willst du damit sagen, dass faktisch eine Durchsetzung nicht möglich wäre? Das geht aber den meisten Rechten so, dass sie ohne staatliche Strukturen faktisch kaum durchgesetzt werden können, ohne Polizisten, Anwälte und Gefängnisse. Willst du die Legitimität all dieser Rechte anzweifeln? Außerhalb staatlicher Strukturen werden diese halt durch Söldner ersetzt und die Dursetzung eines „Rechtes“ hängt von der Anzahl von Söldnern ab, die ich mir leisten kann. Wenn ich aber jedem, der unautorisiert ein Foto von mir veröffentlicht ein Killerkommando auf den Hals hätze, wird sich die Veröffentlichung durchaus einschränken lassen. Einen grundsätzlichen Unterschied zu materiellen Gütern, die ich durch Söldner beschützen lassen kann, will mir daher nicht einleuchten.
    Natürlich kannst du fordern, das Eigentum abzuschaffen. Das ist nun keine sehr originelle Forderung mehr. Ich z.B. wäre aber dagegen und auch andere haben mit so was ja schon schlechte Erfahrungen gemacht.

    • Björn schreibt:

      „Defamation divide“, das gefällt mir. Danke dafür. Ich stehe seit jeher auf dem Standpunkt, dass die Leute sich mal bittesehr ein dickeres Fell zulegen sollen; Höflichkeit und Respekt sind ein hübsches Pärchen, aber die beiden zeugen zusammen allzu gerne allerlei Denkverbote – da wehre ich mit Freuden den Anfängen, und ich finde es großartig, dass Du auch gleich mitmachst, auch wenn ich den „verbalen Hooligan“ ja fast als Ehrentitel tragen würde.

      Viel schlimmer als ein paar harmlose Invektiven ist doch zum Beispiel eine unsaubere oder unehrliche Gedankenführung. Und da lieferst Du auch gleich ein gutes Beispiel.

      Denn deine Analogie mit den Killerkommandos ist zwar auch lobenswert plastisch, aber leider gibt sie argumentativ ganz und gar nicht das her, was Du gerne hättest. Natürlich sind Deine Ausführungen zum Eigentumsbegriff insoweit richtig, als es sich ohnehin um einen letztlich undefinierten Begriff handelt. Wenn Du also hier postulierst, dass Eigentum nichts anderes ist als das, was per Gesetz als Eigentum definiert wird, dann ist das natürlich nicht falsch. Aber es ist ein rhetorischer Taschenspielertrick, eine schlichte Tautologie, die Dir ermöglicht, den Begriff „geistiges Eigentum“ gegen jeden beliebigen Einwand zu verteidigen. Aber es geht völlig an der Essenz der Sache vorbei. Auch Mord ist ein juristischer Begriff; wenn wir ein Gesetz hätten, das den Einsatz von Verhütungsmitteln zum Mord erklärt, wären Kondome Mordinstrumente und die Pille fiele unter die C-Waffenkonvention. Sinnvoll und auf einer philosophischen oder auch nur linguistischen Ebene „richtig“ wäre das aber nicht.

      Wenn Du mir erklären kannst, warum der staatliche Schutz von künstlerischen und wissenschaftlichen Werken „Eigentum“ genannt werden sollte (obwohl seine Gegenstände ganz anders verhalten als die des materiellen Eigentums) statt mir zu erklären, warum sie nach geltender Rechtslage Eigentum sind (was, nebenbei bemerkt, noch nicht einmal der Fall ist), dann können wir gerne weiterdiskutieren.

      Bis dahin bestehe ich aber darauf, dass man für sehr unterschiedliche Dinge praktischerweise auch unterschiedliche Worte verwenden sollte, sofern man nicht just darauf abzielt, die entstehende Verwirrung für eigene Zwecke zu nutzen. Und daher sollte man in einer ehrlichen Debatte Immaterialgüterrechte nicht als „geistiges Eigentum“ bezeichnen. So einfach ist das.

      • Gabriel Bergmann schreibt:

        Meine Antwort beruhte keineswegs auf einem rhetorischem Taschenspielertrick sondern ist eine Reaktion auf meine Lesart deiner Argumentskizze. Nur damit wir beide wissen wovon ich rede, hier nochmal eine kurze Zusammenfassung.
        1. Schien mir das Argument zu sein, dass man den Eigentumsbegriff aus analytischen Gründen hier nicht anwenden kann, z.B. weil es keine physische Sache ist, die man physisch kontrollieren kann und der Eigentumsbegriff nur auf diese Dinge anwendbar ist. Das ist ein Argument, das man von den Piraten häufiger hört. Und da du mit deiner Position grundsätzlich sehr nahe an der der Piraten bist, hatte ich den Satz „verliere ich sofort und vollständig die Kontrolle über mein Werk“ in diese Richtung interpretiert. Ein Beispiel aus einem Spiegelinterview (Nr. 16, S.116-119) mit dem Musiker Jan Delay und dem Piraten Christopher Lauer, wo Lauer seine Position so verdeutlicht: „Im Übrigen geht es nicht ums Klauen. Wenn ich dir die Kappe vom Kopf klaue, Jan, dann ist die weg. Wenn ich einen Song von dir im Netz kopiere, dann ist der aber noch da.“ (S. 119) Dieses Argument kann man aushebeln, indem man darauf hinweist, dass der Eigentumsbegriff, auch im Falle der Kappe, ein Set von Rechten bezeichnet, das auch auf immaterielle Güter anwendbar ist. Insofern ist es dasselbe Ding und man kann auch dasselbe Wort verwenden.
        2. Ein zweiter Argumentationsstrang schien mir in Richtung der faktischen Durchsetzbarkeit der Eigentumsrechte zu gehen. Du schienst mir zu bestreiten, dass das, was geistiges Eigentum genannt wird etwas ist, was in der Ökonomie ein Clubgut genannt wird. Ein Clubgut ist ein solches, bei dem es nicht absurd hohe Kosten verursacht, andere von dessen Nutzung abzuhalten. Die Luft ist z.B. kein Clubgut oder auch die Straßenbeleuchtung. Ein Schwimmbad ist ein Clubgut, weshalb man auch Eintritt verlangen kann. Meiner Ansicht nach ist das geistige Eigentum aber ein Clubgut und das habe ich dargelegt.
        Wenn das beides nicht deine Argumente waren, bitte ich um Entschuldigung und kann hier für den weiteren Verlauf der Diskussion festhalten, dass du weder argumentieren möchtest, dass der Eigentumsbegriff aus analytischen Gründen auf das geistige Eigentum nicht angewendet werden kann, noch, dass es sich bei dem geistigen Eigentum nicht um ein Clubgut handelt.
        Du weist darauf hin, dass du eine normative Argumentation aufmachen wolltest. Deine Sätze „Es gibt kein ‚geistiges Eigentum‘. Niemand kann eine Idee ‚besitzen‘, es sei denn, er spräche sie einfach nie aus“ deuten aber nicht auf eine normative Argumentationsstrategie hin, da es sich um Faktenbehauptungen und nicht um Wertaussagen handelt. Für eine normative Argumentation genügt es aber nicht, eine normative Konklusion zu präsentieren, es sollte schon in den Prämissen eine Wertaussage auftauchen, will man nicht in den Verdacht eines naturalistischen Fehlschlusses geraten. Aber geschenkt.
        Gehen wir davon aus, dass du dafür argumentieren wolltest, dass der Eigentumsbegriff aus normativen Gründen nicht auf immaterielle Güter angewendet werden sollte, so dass ich von deinem Text tatsächlich aufgefordert wurde zu begründen, warum diese Dinge Eigentum genannt werden sollten.
        Dazu zunächst eine kurze Begriffserläuterung. Der Begriff des geistigen Eigentums bezeichnet keineswegs, wie du oben unterstellst, eine bloße Idee. Das geistige Eigentum besteht darin, dass mit einer Idee durch das hinzufügen von Arbeit Wertschöpfung betrieben wurde (vgl. Wertbegriffe bei John Locke oder Karl Marx).
        Und nun ein Beispiel: Selbst für den großen Thomas Mann (wie für alle anderen Schriftsteller) war das Schreiben Arbeit. „Der Einfall als Überfall ist mit unbekannt“, schrieb er einmal. Und er brauchte einen ganzen Tag (vormittags formulieren, nachmittags korrigieren) um eine einzige Manuskriptseite zu schreiben. Für das Romanwerk „Joseph und seine Brüder“ brauchte Mann 10 Jahre! (1933-1943).
        Jetzt stell dir vor, dieser Roman wäre allen als freie Kopie im Internet zugänglich gewesen. Mann hätte für 10 Jahre Arbeit keinen Cent verdient. Wer wird unter diesen Bedingungen noch echte Literatur verfassen, eine technische Lösung finden, eine Theorie formulieren, eine Fotokomposition oder eine musikalische umsetzen, ein Schulungskonzept erarbeiten, einen Film drehen etc.? Wo ist der Unterschied zu einem Schreiner, dessen Möbel einfach mitgenommen werden können und dürfen, zum Goldschmied zum Lebensmittelhändler zum Kartoffelbauern? Keiner! Man setzt Zeit und Energie für die Produktion ein, man hat Zeit und Energie eingesetzt, um sich die nötigen Fertigkeiten anzueignen, und das alles umsonst (im doppelten Sinne des Wortes). Nein, das wäre falsch, es sollte nicht so sein, ist von Übel oder welcher normative Begriff dir sonst zusagt.
        Noch eine Schlussbemerkung zur defamation divide: hier hatte ich tatsächlich eine normative Argumentskizze intendiert. Zusammengefasst: Du schließt Menschen aus aber aus deinen Bemerkungen zu den Piraten habe ich geschlossen, dass dir der Zugang aller zu Diskussionen am Herzen liegt. Da widersprichst du dir also selbst (ein sogenannter performativer Selbstwiderspruch). Ich kann auch nicht erkennen, dass ich mich einem Denkverbot unterwerfe, indem ich sachlich bleibe. Ich glaube im Gegenteil, dass Beschimpfungen, da sie ja hauptsächlich auf die Emotion zielen, häufig dazu beitragen, sachliche Argumente zu überdecken. Es ist schon interessant, dass du den Hooligan so bereitwillig annimmst, denn Hooliganismus ist eine Art Zivilisationsflucht und dient einzig und allein der Triebabfuhr. Damit ist der Hooliganismus die der Argumentation abgewandteste Form der Emotionalisierung. Die Reaktionen sind meist entsprechend.

        • Björn schreibt:

          Schauschau, Du bist ja ein ganz Schlauer, gell? Hört sich ja alles an wie im Proseminar. Supi.

          Wenn man Deine Sophistereien aber mal beiseite lässt, dann kommt man im Kern auf ein utilitaristisches Argument von beeindruckender geistiger Schlichtheit: Wenn es kein Urheberrecht gäbe, würden Wissenschaft und Kunst vollständig zum Erliegen kommen. Brilliant! Ich ziehe meinen Hut vor der Chuzpe, mit der Du das unter einen Blogeintrag schreibst, der zwei Absätze lang illustriert, wie eine Welt ohne Urheberrecht tatsächlich aussehen könnte – ohne im Übrigen die Abschaffung des Urheberrechts zu fordern…

          Erklär mir doch bitte mal, warum Aristoteles, Cicero, Thomas, Dante, Erasmus, Shakespeare und all die anderen, die noch kein „geistiges Eigentum“ kannten, jemals eine Zeile geschrieben haben?!

        • Gabriel Bergmann schreibt:

          Wenn du es Sophisterei nennen willst, wenn man ein Argument tatsächlich mal ausbuchstabiert, sei dir das natürlich unbenommen. Ein Gegenargument scheint mir dabei nicht rauszuspringen.Und wenn du etwas „Philosophische Grundlagen“ nennst, musst du schon eine logisch informierte Reaktion ertragen. Mein Argument war übrigens keineswegs utilitaristisch und meine Behauptung war auch nicht, dass Wissenschaft und Kunst vollständig zum Erliegen kommen:
          Erstens war mein Argument ein genuin moralisches (zugegeben, es gibt auch einen moralischen Utilitarismus – aber ich bin kein Anhänger). Mein Argument war, dass du es mit der Abschaffung des Urheberrechts zulässt, dass einer dritten Person Schaden zugefügt wird (dem Bestohlenen) – das macht es zu einem moralischen Argument – und dass es keine guten Gründe dafür gibt, diese Schädigung zuzulassen – womit die entsprechende Handlung als moralisch defizitär dargestellt wurde.
          Zweitens würde natürlich auch der Handel nicht vollständig zum Erliegen kommen, wenn es kein Eigentumsrecht auf physische Dinge gäbe – ist das schon ein Argument dafür, dieses Recht aufzugeben? Ich habe ja schon in meinem ersten Kommentar darauf hingewiesen, dass man der Meinung sein kann, das Eigentumsrecht sei verzichtbar. Bitte – wenn du dieses Fass aufmachen willst. Aber wenn man es nicht für verzichtbar hält, muss man schon einen kategorialen Unterschied des geistigen Eigentums nachweisen, um wenigstens dieses für verzichtbar zu halten. Diesen Unterschied habe ich bestritten und von dir noch keine überzeugende Kritik gehört.
          Was nun die von dir genannten Autoren angeht: die hatten ganz unterschiedliche Geldquellen – von geerbtem Reichtum bis zum Mäzenatentum. Ein anderes Beispiel: Thomas Hobbes hat sich bitterlich über die unautorisierten Nachdrucke seiner Schriften beklagt – und der lebte in Zeiten des Bürgerkriegs. Willst du geistige Arbeiter tatsächlich von ererbtem Reichtum oder Mäzenatentum abhängig machen?

        • Björn schreibt:

          Ach Gabriel…

          Weißt Du, wir können ja theoretisch ewig so weitermachen, ich mit meiner billigen Polemik und Du mit Deiner scheinbar unabweisbaren Logik unter Berufung auf alle Autoritäten der Philosophiegeschichte, wie in der Spätscholastik.

          Ich frage mich nur, worauf das hinauslaufen soll. Willst Du mit mir tatsächlich über die Existenzberechtigung des Begriffs „geistiges Eigentum“ streiten? Das wäre doch eine recht sinnlose Übung, nicht wahr?

          Oder geht es Dir darum, mich generell von der Wichtigkeit des „geistigen Eigentums“, also des Immaterialgüterrechts zu überzeugen? Darüber können wir gerne reden, aber dann würde ich Dich bitten, zunächst von der Schimäre Abschied zu nehmen, ich habe die komplette Abschaffung des Urheberrechts gefordert. Ein bisschen mehr schreibe ich da oben ja dann doch noch, nachdem ich meinen Optimismus darüber zum Ausdruck gebracht habe, dass auch in einer solchen Welt Künstler noch bezahlt werden würden.

          Das würde dann aber vielleicht auch erfordern, vom hohen Ross der Philosophie mal abzusteigen und auf ein paar praktische Aspekte einzugehen. Kleiner Denkanstoß gefällig?

          Bittesehr: Ob Du es glaubst oder nicht, sehr viele Leute schreiben zehn Jahre an einem Buch, ohne je Geld dafür zu sehen – trotz Urheberrecht. Vielleicht weil niemand sie lesen will, vielleicht auch nur, weil sie keinen Verleger finden. Hunderttausende von Bands musizieren für Hungerlöhne oder komplett kostenlos, und schaffen nie den Durchbruch. Wir wollen gar nicht reden von Amateurtheatern, Freizeitmalern, Feierabendpoeten und Hobbyfotografen.

          Wie passen Die in Deine moralische Argumentation? Mit Thomas Mann oder anderen erfolgreichen Künstlern daherzukommen ist ja reichlich bequem… Was sagst Du zu den vielen Autoren, die ebensoviel Zeit und Energie aufwenden mussten, um dann gesagt zu kriegen: Dafür kriegst Du nicht nur nichts bezahlt, das wird auch nie jemand lesen – Urheberrecht hin oder her?

          Sollten die nicht für ihre Arbeit entlohnt werden? Brauchen wir alse nicht schon deswegen eine grundlegende Reform des Urheberrechts? Oder ist Arbeit eben doch nur etwas wert, wenn sie kommerziell verwertbar ist? Und wäre dann nicht das Urheberrecht eben doch nur reine Verhandlungsmasse, abhängig davon, was sich eine Gesellschaft leisten will? Schließlich könnten die ganzen Kreativen auch gut am Fließband arbeiten, wäre vielleicht produktiver?

          Das sind die wichtigen Fragen. Deine „ausbuchstabierten“ Argumente über Begriffsdefinitionen sind dagegen höchstens als geistiges Sparring reizvoll, und nicht für sehr lange.

        • Gabriel Bergmann schreibt:

          Natürlich können wir uns über konkrete Fragestellungen unterhalten. Aber wenn du das tun willst, dann solltest du keinen abstrakten Text schreiben und ihn „Philosophische Grundlagen“ nennen. Bei dieser Überschrift fühle ich mich eben dazu aufgefordert, die philosophischen Grundlagen zu diskutieren. Und die sind ja keineswegs unwichtig. Nehmen wir deinen „Denkanstoß“: Mir ist immer noch nicht klar, wo du den Unterschied zu meinem Schreiner siehst. Auch der kann ein Regal bauen, das niemand haben will. Dann behält er es eben, oder er verschenkt es – und das kann er tun, weil es sein Eigentum ist. Er kann es auch zersägen und zwei Stühle draus machen.
          Analog kann jemand, der ein Buch schreibt, oder Lieder für seine Band, darüber verfügen, eben weil es sein Eigentum ist. Wenn er dann ein Lied veröffentlicht oder einen Roman, kann das, was er in der Schublade hat auch auf Nachfrage stoßen – passiert übrigens ständig. Es bleibt ihm aber auch völlig unbenommen das Lied, den Roman, frei verfügbar im Internet zu publizieren – oder sich pro Klick bezahlen zu lassen – oder Werbung zu schalten etc. All das kann er tun, weil es sich um sein Eigentum handelt. Das Eigentum ist also keineswegs nur die Grundlage einer kommerziellen Nutzung, sondern jeder gesicherten privaten Nutzung.
          Dass das Urheberrecht reformiert werden muss, ist klar. Aber die Grundlage der Reform sollte doch nicht auf wackligen Behauptungen über das geistige Eigentum beruhen.
          Was konkrete Reformvorhaben angeht, bin ich offensichtlich stellenweise radikaler als du. So finde ich z.B. nicht, dass ein Text, der von einem öffentlich bezahlten Professor verfasst wurde, unter irgendeine Schutzklausel fallen sollte, die es einem privaten Verlag erlaubt, den öffentlichen Zugang zu beschränken – ja dass im Zweifelsfall die Unibibliothek der Uni, die den Professor bezahlt hat, das Buch selbst kaufen muss. Das mag begründbar gewesen sein, als zur Veröffentlichung von Büchern eine Setzerei und eine Druckerei etc. nötig gewesen ist. In Zeiten des Desktop-Publishing ist dieses Modell Unsinn.
          Aber das ist eben eine von vielen Einzelfragen. Die müssen auch einzeln geklärt werden – und nicht über „philosophische Grundlagen“.

        • Gabriel Bergmann schreibt:

          Noch ein kurzer Nachtrag zum Thema geistiges Eigentum – dann lasse ich dich auch in Frieden.
          Gerade weil das Urheberrecht reformbedürftig ist und den Gegebenheiten des Informationszeitalters angepasst werden muss, scheint mir das geistige Eigentum als Grundlage der Diskussion wichtig zu sein. Es setzt sozusagen Leitplanken. Dann können wir auch gerne z.B. über Enteignungen sprechen (ich halte den Eigentumsbegriff nicht für einen normativen Basisbegriff, wie z.B. körperliche Unversehrtheit), nur dann müssen wir das eben auch Enteignung nennen und nicht irgendwie anders. Das führt zu einer begrifflichen Klarheit und Ehrlichkeit,die ich gerade für ein so komplexes und umfassendes Projekt wie die Reform des Urheberrechts für nützlich halte.

        • Björn schreibt:

          Siehst Du, genau das habe ich doch gemeint mit dem Ausdruck „Taschenspielertrick“. Natürlich steht es Dir frei, den Begriff „Eigentum“ gewissermaßen als juristischen Fachausdruck zu verwenden, und in diesem Zusammenhang ist er dann selbstverständlich auch in der Kombination „geistiges Eigentum“ korrekt. Aber außerhalb strikt wissenschaftlich-juristischer Zusammenhänge ist „Eigentum“ eben auch noch mit anderen Assoziationen Über die enge Definition als „Bündel bestimmter Verfügungsrechte“ hinaus beladen. Und wenn Du in jeder Diskussion über das Immaterialgüterrecht von „geistigem Eigentum“ sprechen willst, dann hat wirst Du diese Assoziationen immer mit heraufbeschwören, obwohl sie – das will ich Dir jetzt einfach mal wohlwollend unterstellen – gar nicht gemeint sind. Wenn man das absichtlich macht, hat das ganz und gar nichts mit Klarheit und Ehrlichkeit zu tun. Vielmehr ist es ein Musterbeispiel für propagandistische Rhetorik.

        • Gabriel Bergmann schreibt:

          Warum hast du den Eindruck, dass ich in jeder Diskussion über das Immaterialgüterrecht auf „geistiges Eigentum“ verweisen will? Ich will das nur dann tun, wenn es sich bei den Immaterialgütern auch um geistiges Eigentum handelt.
          Aber einen Begriff abzulehnen, nur weil er u.U. als Kampfbegriff missbraucht werden kann, scheint mir absurd. Und gerade bei dir hatte ich nicht den Eindruck, dass du deinen Wortschatz dieser Maxime entsprechend einzuschränken bereit bist.
          Du hast also den Eindruck, der Begriff des geistigen Eigentums würde strategisch eingesetzt, um mehr zu fordern, als der begrenzte juristische Begriffsumfang zulässt. Da gehen unsere Wahrnehmungen aber auseinander. Ich hatte eher den Eindruck, dass die doch sehr emotionale Bekämpfung dieses Begriffes – Julia Schramm bezeichnet ihn als „ekelhaft“ und von dir sind oben ja ähnliche Töne zu lesen – die Strategie verfolgt, die klare Rechtezuschreibung, die dieser Begriff enthält, zu bekämpfen, um möglichst auf alles unbeschränkt Zugriff zu bekommen. Die Verteidiger des geistigen Eigentums schienen mir dagegen eher sachlich.

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