Urheberrecht Teil 2: Schutzfristen

Während draußen alles immer schlimmer wird und die Leute in sibirischer Kälte gegen geistigen Eigentumsdünnschiss wie SOPA, PIPA und ACTA demonstrieren müssen, komme ich endlich dazu, den zweiten Teil meiner Reihe zum Urheberrecht nachzuschieben, diesmal mit einem Thema, das in der öffentlichen Diskussion praktisch gar keine Rolle spielt, bei den Grünen zuletzt aber zu einem großen Aufschrei geführt hat.

Dass die netzpolitischen Antragsteller beim Parteitag in Kiel im November eine Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfrist auf fünf Jahre gefordert haben, war rückblickend betrachtet ein geradezu machiavellistisch genialer Schachzug. Dadurch haben sie die Diskussion derart verengt, dass die Pianistin aus Ingolstadt und der Rest der Schützt-die-Kulturschaffenden-vor-dem-Internet-Fraktion ihre ganze Empörung auf diesen Einzelaspekt konzentrierten und viel wichtigere Punkte einfach durchrutschen konnten – beispielsweise die faktische Legalisierung von Tauschbörsen, die rein finanziell betrachtet sicherlich größere Auswirkungen hätte als die Frage, ob ein Werk automatisch für ungefähr ein Jahrhundert monopolisiert wird oder ob der Schutz alle paar Jahre erneuert werden muss.

Denn natürlich war das alles sowieso im Wesentlichen ein Missverständnis. Niemand hatte gefordert, dass Werke nach ein paar Jahren gemeinfrei werden sollten, es ging lediglich darum, die Sache ein bisschen zu flexibilisieren. Wer seine Bücher oder seine Musik auch nach zehn oder fünfzehn Jahren noch vermarkten konnte und wollte, der sollte das weiterhin tun können; man hätte lediglich alle paar Jahre einen finanziellen Obulus dafür abführen müssen. Eigentlich ist das eine recht gute Idee, denn die meisten Werke werden ohnehin nur ein paar Jahre gewinnbringend unters Volk gebracht. Nach hundert Jahren kennt z.B. auch die erfolgreichsten Bücher meist kein Mensch mehr. Mit einer kürzeren Schutzfrist, so sollte man meinen, hätten diese Werke wenigstens eine Chance, zugänglich zu bleiben.

Das könnte in der Theorie auch ganz gut funktionieren. Sobald Autor oder ein Verlag keine Möglichkeit mehr sieht, mit einer Veröffentlichung mehr Geld zu verdienen als die nächste Schutzverlängerung um fünf Jahre kosten würde, würde er das Werk einfach freigeben, es könnte prompt als kostenloses e-Book im Netz stehen und wäre für alle und für immer verfügbar. Nicht wahr?

Nun, wer weiß. Kaum ein Verlag oder Autor wird gern dabei zusehen wollen, wie andere Leute mit dem plötzlich gemeinfreien Werk das Geld verdienen, das sie selbst nicht mehr erwirtschaften konnte, und seien es nur Werbeeinnahmen auf kostenlosen Download-Seiten. Oder, schlimmer noch, ein Werk könnte ja irgendwann plötzlich doch noch populär werden, aber erst nachdem es keinen Umsatz mehr bringen kann. Da zahlt man doch lieber alle paar Jahre ein paar Euro. Mehr werden es kaum sein, denn man wird so eine Fristenverlängerungsgebühr sicherlich nicht in beliebige Höhen schrauben können, aus politischen Gründen, und was bezahlbare Gebühren bewirken, sieht man ja bei Patenten: Da verschwindet eine nicht vermarktbare Erfindung sehr viel eher für zwanzig Jahre in der Schublade, als dass man sie freiwillig der Allgemeinheit überlässt, nur um sich ein bisschen Geld zu sparen.

Die Frage nach den Schutzfristen geht also ziemlich am Wesentlichen vorbei. Die eigentlich interessante Variable ist hier die Verfügbarkeit eines Werkes. Ich denke, man wird sich über ziemlich viele Parteigrenzen hinweg darüber einigen können, dass Verlage oder Erben auf keinen Fall die Möglichkeit haben sollten, etwas auf Nimmerwiedersehen in der Schublade verschwinden zu lassen (bei den Urhebern könnte man eventuell geteilter Meinung sein). Ob die Schutzfrist nun fünf oder hundertfünfzig Jahren dauert, ist insofern komplett irrelevant. Wesentlich wäre, dass der Schutz dann endet, wenn sich niemand mehr die Mühe macht, ein Werk kommerziell auf den Markt zu bringen. Also dann, wenn die Verfügbarkeit gefährdet ist.

Die Forderung, die wir hier bräuchten, wäre also die nach einem Verfall ungenutzter Schutzrechte. Dabei kann man gerne einen Automatismus schaffen, der die Rechte zunächst an den Urheber zurückgibt, wenn die Verwertungsindustrie ihre Hausaufgaben nicht mehr macht; die werden in den allermeisten Fällen ein Interesse daran haben, ihre Werke verfügbar zu halten, und im Zeitalter von Digitaldruck und e-Books haben sie auch die Möglichkeit dazu. Man muss dabei nicht fordern, dass jedes Buch sowohl als Hardcover mit Lesebändchen als auch als Taschenbuch und Datei vorliegt, und nicht jeder Film muss als BlueRay vorliegen, um geschützt zu bleiben. Aber Maßstab sollte schon sein, dass ein Werk nicht nur irgendwie verfügbar ist, sondern in einem einigermaßen marktüblichen Umfang. Wenn man einen dreiseitigen Antrag ausfüllen muss, um ein Musikstück sechs Monate später für achthundert Euro im Archiv der Plattenfirma mit einem alten Kassettenrekorder überspielen zu dürfen, dann würde ich das eher nicht als „verfügbar“ betrachten.

Mit so einer Regelung würde eine ganze Wagenladung von Problemen auf einen Schlag wegfallen. Dass der Rechteinhaber eines geschützten Werks nicht auffindbar ist, wäre zum Beispiel praktisch gar nicht mehr möglich. Wenn eine einigermaßen gründliche Suche bei Amazon, iTunes und ein paar anderen Anbietern nicht schnell zu ihm führt, dann könnte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass der Schutz ausgelaufen ist und es nach Belieben verwenden. Es müsste auch kein Wissenschaftler mehr quer durchs Land fahren, um in irgendeiner obskuren Institutsbibliothek irgend ein Buch einzusehen, für das sich seit dreißig Jahren keiner mehr interessiert hat. Denn entweder könnte er es ganz einfach bestellen, oder die Bibliotheken dürfte ihm eine gescannte Kopie schicken, ohne lang zu fragen wer dafür vielleicht noch Geld sehen will.

Und möglicherweise würde man sogar die sterbende Medienindustrie dadurch ein bisschen unterstützen, denn die Urheber würden sich wohl kaum alle selbst um die funktionierenden Vertriebswege kümmern wollen, die dann schließlich Schutzvoraussetzung wären.

Und die Schutzfristen? Die könnte man dann meinetwegen ins Unendliche ausdehnen. Wenn der Disney-Konzern auch im Jahr 3000 noch Geld mit Micky-Maus-Geschichten verdienen kann, herzlichen Glückwunsch! Hauptsache, jeder kann sie lesen, wenn er das will. Und besser als ständiges Lobbying für demokratiefeindliche Urheberrechtsverschärfungen wäre es allemal.

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